Damit Katastrophen nicht krankmachen

Einsätze können auch für Feuerwehrkameraden traumatisierend sein. Darüber reden hilft, weiß Raimund Lunzer.

Unfälle, bei denen Menschen schwer verletzt oder getötet werden, sind besonders für die Angehörigen und Freunde eines Opfers nur schwer zu verkraften. Aber auch für die Einsatzkräfte selbst ist es nicht immer einfach, sich abzugrenzen und die Geschehnisse zu verarbeiten. Vor allem, wenn Freunde, Bekannte oder Kinder betroffen waren. Genau dann ist der Einsatz eines Peers gefragt.
Wenn die Feuerwehr einen Peer anfordert, so kommt im Bezirk nur eine Person infrage: Raimund Lunzer. Ein Peer ist einer aus der Truppe, der nach belastenden Einsätzen seelische Unterstützung bietet, fasst der Feuerwehrkommandant von Eggendorf im Thale seinen Aufgabenbereich kurz zusammen. Dass der Peer aus den eigenen Reihen kommt, ist sehr wichtig.
Ein Psychologe würde nicht anerkannt werden, weiß Lunzer. Dienst- sowie Einsatzerfahrung spielen eine große Rolle als Peer. Es ist wichtig mit jemandem zu sprechen, der über die Materie bescheid weiß. Es hilft nichts, wenn man jemanden erst das Feuerwehrwesen erklären muss, sagt der 47-Jährige. In erster Linie geht es ums Zuhören und um die Seelsorge, betont der Kommandant. Deshalb war der klassische Peer früher ein Pfarrer. Lunzer betont: Wir können nicht heilen, es werde zu einem späteren Zeitpunkt sehr wohl ein Psychologe zurate gezogen, wenn das Gespräch mit dem Peer nicht ausreicht.
Nach belastenden Einsätzen kann es zu einer PTBS, einer posttraumatischen Belastungsstörung, kommen. Dieser soll durch Peer-Gespräche vorgebeugt werden. Im Idealfall fordert der Einsatzleiter einen Peer über die Landeswarnzentrale in Tulln an. Und dann fährst hin, erzählt der Eggendorfer, dass es schon einmal vier in der Früh sein kann, wenn er gerufen wird. Der Zeitabstand nach einem Einsatz sollte nicht zu groß sein. Es sei natürlich nicht nötig, nach jedem Einsatz einen Peer anzufordern, da die Feuerwehr an sich ja ein stabiler Einsatzkörper ist. Wann eine Betreuung gebraucht wird, das sei Aufgabe des Einsatzleiters, dies abzuschätzen. Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen, sondern eine unbedingte Notwendigkeit.
Lunzer erinnert sich an seinen ersten technischen Einsatz als junger Feuerwehrmann. Meine Aufgabe war es eigentlich nur, den Verkehr zu regeln. Doch dann erhielt der damals 15-Jährige von seinem Kommandanten den Auftrag, eine Kühltasche zu besorgen. Ich habe mir zuerst nichts dabei gedacht, weil es ein heißer Tag war. Doch später erkannte Lunzer, wofür die Kühltasche gebraucht wurde: Für die abgetrennten Gliedmaßen des Unfallopfers. Der Mann, der im Krankenhaus verstarb, war ein ehemaliger Florianijünger und bei den Einsatzkräften bekannt. In solchen Fällen wäre es gut, wenn ein Peer angefordert werden würde.
Meistens finden die Gespräche mit der Gruppe im Feuerwehrhaus statt. Dabei wird das Einsatzgeschehen aufgearbeitet. So war Lunzer beispielsweise Anfang März im Einsatz, als ein Mopedunfall zwei jugendliche Todesopfer forderte.
Ein zweiter Peer im Bezirk wäre nicht schlecht, hofft der 47-Jährige, dass er bald Unterstützung bekommt. Denn ausrücken sollten Peers zu zweit. Jetzt borge ich mir meistens jemanden aus Mistelbach aus.
Lunzer möchte seinen Kameraden vor allem eines zu vermitteln: Man sollte einen Peer lieber einmal zu viel anfordern, als zu wenig. Schon während der Ausbildung sollten die Florianijünger darauf vorbereitet werden, was sie im Ernstfall erwarten kann und dass es einen Peer gibt, mit dem sie die Geschehnisse aufarbeiten können. Das ist mindestens genauso wichtig, wie das Beherrschen eines Gerätes.
Feuerwehrmitglieder, die sich zum Peer ausbilden lassen wollen
und Raimund Lunzer in seiner Tätigkeit unterstützen möchten,
können sich bei ihm melden.
0664/4430497
raimund.lunzer@aon.at

Quelle: NÖN Hollabrunn

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